Initiative Stadtmuseum Coburg e.V.
Initiative Stadtmuseum Coburg e.V.

 

 Vortrag am 5. Oktober 2017:

„Ballonflucht - Geschichte einer Flucht aus der DDR“ mit Günter Wetzel.

 

Vor zahlreichen interessierten Mitgliedern und Besuchern konnte am 5. Oktober der Vorsitzende der Initiative Stadmuseum Coburg e. V. Rupert Appeltshauser Günter Wetzel begrüßen. Die Familien Wetzel und Strelzyk waren durch ihre spektakuläre Ballonflucht am 16. September 1979 zu Stars der westdeutschen Medien geworden, sodass die Ballonflucht 1981 in dem US-amerikanischen Spielfilm "Mit dem Wind nach Westen" sogar weltweit in die Kinos kam. “Das war schon was!”, dies sein Kommentar dazu. Daneben verwies er aber auch auf die Motive: Freiheit, Glücksvorstellungen ... Er zog auch Parallelen zur Gegenwart, wo die Errichtung von Zäunen und Mauern allgegenwärtig in den politischen Meldungen seien. Deshalb müsse man wieder Flüchtlingen Heimat geben und deshalb sei das Thema für uns so interessant.

Dass dieser Vortrag nun von der Initiative Stadmuseum Coburg veranstaltet worden ist, erklärt sich zum einen durch den Zusammenhang mit dem Tag der deutschen Einheit und ist zum anderen zu verdanken dem Kontakt des Vorstandmitglieds Robert Schäfer zum Vortragenden. Schließlich ist aber insbesondere auch die jüngere Coburger Stadtgeschichte in großem Maß geprägt von der Grenze zur DDR und dann besonders durch den Mauerfall, was viele Exponate aus den städtischen Sammlungen belegen können, auch wenn sie im Augenblick noch im Depot schlummern.  

Günther Wetzel ließ diesen Abend nicht zu einem trockenen Bericht über die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge werden, sondern verstand es die menschliche Seite, die politischen Hintergründe, aber insbesondere immer wieder die unglaubliche Serie von Pannen und ungewöhnlichen Lösungsversuchen durch seine lebendigen Schilderungen anschaulich zu machen.  

So machte er zunächst deutlich, dass der Fluchtgedanke in der DDR immer sehr präsent war, das Bewusstsein, Verwandte zu verlassen, aber viele davon abbrachte. Bei der Schilderung seiner Kindheit verwies er einerseits darauf, dass sie ganz “normal” gewesen sei, dass man - insbesondere die Jüngeren - sich aber klar machen müsse, dass es damals natürlich noch keine “moderne Medien” gegeben habe. Informationen gab zunächst durch die Presse, durch Radio und später durch das Fernsehen. Aufgabe war aber nicht die Aufklärung der Bevölkerung, sondern das Einschwören auf die Parteilinie, auf den Sozialismus. Eine neue Entwicklung gab es erst durch den Empfang von West-Fernsehen, wodurch man nun erfuhr, was es auf der Welt noch gab. Allerdings ließ die “falsche” Ausrichtung der Antennen auf den Dächern erkennen, wer sich hier nicht linientreu  verhielt - und gewisse Besuche und Hinweise ließen nicht lange auf sich warten. All dies trug Wetzel aber nicht mit Bitterkeit vor, sondern man merkte, wie die Bevölkerung sich auf den Druck des Staates einstellte und eigene Wege verfolgte.

Der Bau der Mauer war dann nur noch der letzte Anstoß, da die Bewegungsfreiheit nun massiv eingeschränkt war, auch wenn die Existenz eines Schießbefehls geleugnet wurde. Aber die Existenz von Mienen und Selbstschussanlagen war bekannt. Dadurch sei “der Hass erwacht”. Als seinen persönlichen Wendepunkt bezeichnete Wetzel seine Heirat 1974.

Breit schilderte er die Überwachung durch den Staat z. B. durch das “Hausbuch”. Darin mussten etwa längere Besuche von Bekannten und Westbesuche - diese schon nach 20 Stunden - eingetragen werden. Durch eine Kopie seines Hausbuchs belegte er die Besuche, sodass man heute noch nachvollziehen kann, wie sich durch Besuche die Kontakte für die Flucht entwickelt haben. Die Idee zum Ballonflug bekam er durch einen Bericht  über Ballonfahren in Mexiko

in einer “Westzeitschrift”.

 

Zuerst sollte der Ballon aus Futterstoff hergestellt werden, der in der Fabrik organisiert wurde. So habe sich der Ausspruch Honeckers: “Aus unseren volkseigenen Betrieben ist viel herauszuholen” bewahrheitet, gab Wetzel schmunzelnd zum Besten. Probleme wie der knappe Vorrat an Stoff wurden durch besondere Schnittformen bewältigt, genäht hatte er im Schlafzimmer. Auch das Problem des Korbes wurde mit einfachen Mitteln gelöst. Er schildert sehr einprägsam, wie die ersten Versuche misslingen, wie er mit Hilfe von Büchern neue Berechnungen anstellt und so auf eine Größe von 2400 m3 kommt, viel zu groß, wodurch er zum “größten Ballon in Europa” zur damaligen Zeit wird. Aber dieser “Rechenfehler” wird am Ende das Unternehmen retten, weil der Ballon so nicht abstürzen wird. Mit Photos wird auch belegt, wie die Stoffe auf Luftdurchlässigkeit getestet werden. Teilweise anekdotenhaft erzählt er vom Bau des Gebläses aus seinem Motorradmotors, von den Krankmeldungen oder den Kaufbelegen aus seiner Stasiakte, von Vorbereitungen, Pannen und Improvisationen. Und dann: der Flug, der wegen des günstigen Wetters in dieser Nacht stattfinden muss. Viel zu hoch steigt der Ballon - est ist unmöglich zu erkennen, wo die Grenze ist-, die Navigation ist unmöglich, so ist ungewiss, ob man, als man mit dem Ballon in einem Wald landet, im Westen ist oder nicht.

Was soll man tun? Geht man nach Süden, dann würde man auf die Grenze treffen, wenn man nicht weit genug gefahren ist. Schließlich geht man doch nach Süden. An einem Hochspannungsmast steht “Naila”, also wahrscheinlich im Westen, da der Ortsname ihnen nicht bekannt ist. Schließlich treffen sie auf Polizisten in grünen Uniformen. Die Frage, ob sie im Westen seien, wird verständnislos beantwortet: “Natürlich, wo sonst!” So sehr ist außerhalb jeder Vorstellungskraft, was die beiden Familien geschafft haben.

Spannend ist auch noch die Nachgeschichte, der Presserummel, die geplante Ausstellung im neuen Museum für Bayerische Geschichte in Regensburg, der Hollywood-Film, aktuell der Film von Bully Herzig - zu dem er nichts sagt! -, sein beruflicher und privater Lebensweg, das Verhältnis zur Familie Strelzyk. Und es ist nicht verwunderlich, dass er noch eine Reihe von Nachfragen der Zuhörer geduldig beantwortet.
So gehen am Ende wohl alle mit dem Gefühl nach Hause, dass man trotz des einmaligen Ereignisses einen anderen, teilweise sehr persönlichen Zugang zur Geschichte der zwei Teile Deutschlands sehen konnte.

 

 

 

 

 

  

 

 


Weitere Antworten und Details:
 

 

https://www.ballonflucht.de/



oder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ballonflucht

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