Initiative Stadtmuseum Coburg e.V.
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Bericht über die Lesung

am 22. Juni 2018

auf der Ernstfarm

Nicht allzu viele Gäste, geschuldet dem Wetter, einige sitzen schon lange, bevor das offizielle Programm beginnt. Viele studieren noch am Büchertisch die Exemplare von "Total", von Krimis, von Sigis neuen Buch. Die Gäste bunt gemischt, vorherrschend aber wohl solche, die 68 oder Sigi oder beides erlebt haben, aber auch ein Kind ist darunter. Alle sind schnell im Bann des Erzählers, der sich nicht lang vorstellt, vorstellen muss.

Sigi Hirsch, einst Buchhändler der Albrecht'schen Hofbuchhandlung in der Ketschengasse, Antiquar, Poetry Slammer, Künstler, Verleger, lebte 23 Jahre in Coburg und eben jemand, der 68 in Berlin dabei gewesen ist und authentisch und zuweilen ironisch von den Ereignissen in jenen Jahren berichten kann. 

Das dokumentiert auch sein neuestes Bändchen, "68 - Es gab nicht nur Demos", aus dem er auch gleich vorzulesen beginnt. Vorher spielt er noch den Anti-Vietnam-Song von seiner Platte, die aber nie gepresst wurde, weil der Krieg während der Verhandlungen mit dem Schallplatten-Label zu Ende gegangen war. Er spielt den Zuhörern aber dennoch den Song vor, nachdem er den Widerstand des CD-Players gebrochen hat.

Und dann rezitiert er - im Licht der Schreibtischlampe, an einem Tisch, hinter ihm Poster mit den Titelseiten seiner Bücher und Zeitschriften auf einer Leine aufgehängt, die Herr Krahl, der immer freundliche Hausherr, schnell besorgt hatte. Er liest das erste Kapitel seines Buches vor, "Der Buchladen" von Dieter Lenz, mit Anekdoten gewürzt, wie z. B. von der "Falsch"-Meldung, er habe mit Günter Grass eine Mülltonne geteilt, oder wie der Pornographievorwurf ihm die Weigerung der Post bescherte, seine "literarische Illustrierte auszuliefern, aber andrerseits die Bekanntschaft mit Yoko Ono brachte.

Bezeichnend auch die Episode mit den Mao-Bibeln (vgl. Seite 28), denn er habe nach Peking geschrieben, er hätte gerne 5000 Exemplare des "kleinen roten Buchs", die auch prompt geliefert wurden und die er dann in seinem Buchladen verkaufte.

Er lernte auch Grass kennen, der in der Nähe wohnte. Aber er verzichtet auf das Vorlesen des Kapitels aus dem Buch, "denn sonst würde ich mit der Lesung nicht fertig". So erzählt er, wie er den Dichter auf dem Wochenmarkt getroffen hat, bemerkt dazu aber, dass jener "total humorlos" gewesen sei. Beim zweiten Mal trafen sie sich beim Rotwein, dem besten - "hätte aber lieber Bier getrunken, er hatte aber keins". Beim dritten Mal dann kam es dann zu keinem Gespräch mehr. Als Sigi Hirsch ein Exemplar von "Total" (vgl. Foto!) überreichen will, "knallte Grass nur die Türe zu".

 

 

Auch an einem Kneipenführer hat er mitgearbeitet, "100 davon waren von mir". Das war harte Arbeit, denn mehr als zwei Kneipen am Abend schaffte man nicht, man "musste ja überall Bier trinken".

Und so wird Episode an Episode aneinander gereiht, mit seinem eigenen Urteil zu Größen wie Celan oder der Gruppe 47, zur Apo, zu Uschi Obermaier, um nur einige zu nennen. Er bringt Geschichte und Geistesgeschichte aus seinem Blickwinkel, teils ironisch, teils sarkastisch, aus einem schier unerschöpflichen Fundus, hier ein Stück Lyrik, da Gedanken, Bemerkungen zum Computer, zur Zukunft, immer noch aktuell, was vor 50 Jahren formuliert worden war.

 Und dann: "Kann doch nicht sein, dass wir schon am Schluss sind!" Und so legt er wieder los. So "braust" noch einige Male Schlussapplaus auf, der aus vollem Herzen kommt, denn so, wie Sigi Hirsch immer mehr in Fahrt kommt, immer mehr aus der Erinnerung erzählt, statt nur zu rezitieren, so ist auch das dankbare Auditorium immer mehr mit Begeisterung seinen Einblicken gefolgt.

Aber nach über 2 Stunden kurzweiliger Unterhaltung verabschiedete man sich unter Freunden und alle wandten sich im Bewusstsein eines erfüllten Abends langsam dem Heimweg zu.

 


Dank an: 

 

 

 

Und besonders herzlichen Dank an Herrn Krahl, den Hausherrn auf der Ernstfarm, der schon bei der Vorbesprechung für alle Wünsche ein offenes Ohr hatte und uns am Abend alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumte. Vielen Dank im Namen aller Zuhörer!

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