Bericht über die Buchvorstellung in der Buchhandlung Riemann

 

Zunächst begrüßte Frau Riegert als Hausherrin im "Caféchen" der Buchhandlung Riemann die anwesenden Mitarbeiter der Coburger Zeitungen, den Vorstand der Initiative Stadtmuseum Coburg e. V., die Gäste sowie den Verfasser des Buches, Herrn Dr. Hubertus Habel.

 

 

Rupert Appeltshauser als 1. Vorsitzender der Initiative Stadtmuseum Coburg e. V. bedankte sich für die Durchführung der Veranstaltung bei Frau Riegert und verwies auf die gute Zusammenarbeit des Vereins mit Trägern wie der Hochschule, dem evangelischen Bildungswerk oder der Buchhandlung Riemann. Das Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung (vgl. Flyer auf S. 4 im Buch)  sei nun fertig. Die lange Zeit bis zur Herausgabe sei einer Krankheit des Verfassers geschuldet, aber dies wiege nicht so schwer, da das Buch eine Lücke in Coburg schließe. Das Buch soll bewusst nicht die Geschichte des 1. Weltkriegs  darstellen, sondern die Auswirkungen auf die Coburger Bevölkerung.und deren Mentalitätswandel während der Kriegsjahre.   

 

Er erklärte, dass in Coburg Darstellung von Geschichte vor allem dynastisch ausgerichtet war. Dies zeigt auch das Albert-Jubiläum in zwei Jahren, auch wenn Prinz Albert natürlich seine Verdienste hat. Aber mehr im Vordergrund müssten die Zeit, die Lebensumstände stehen. Coburger Außendarstellung solle eben andere Themen aufweisen.

 

Coburg hat nach seinen Worten nicht wie Weimar oder Hambach zentrale Bedeutung für die demokratische Entwicklung in Deutschland, aber Coburg liefert wichtige Beiträge zur Darstellung der Demokratisierung, eingebettet in den historischen Zusammenhang. 

 

Der Autor, Dr. Hubertus Habel, dankt zunächst der Initiative für den Auftrag und macht deutlich, dass sehr viele Ergebnisse der Arbeit für die Ausstellung in das Buch eingeflossen sind.  

 

Zunächst stellt er fest, dass der Titel einige Fragezeichen gesetzt hat. Es sollte damit verdeutlicht werden, dass die "Alltagsgeschichte" gezeigt wird und wie sich die Mentalität der Menschen verändert hat. Zum Beispiel gab es in Coburg, als die ersten Listen mit gefallenen  veröffentlicht wurden und die Krankentransporte sich häuften, Selbstmorde von jungen Männern, wie Habel ausführte. Auf der anderen Seite war die ökonomische Situation durchaus nicht katastrophal.

 

Aus der Dokumentation wird deutlich, dass die Coburger Wirtschaft z. B vom Granatendrehen oder von der Produktion von Geschosskörben profitierte (vgl. Kapitel 4).  So gab es auch nach Kriegsende in Coburg keine wirkliche Revolution wie in Gotha (vgl. Kapitel 9). Erst 1923 fanden Demonstrationen statt, die die Unzufriedenheit mit den demokratischen Verhältnissen zeigten.

 

Als weiteren Punkt aus dem Buch führte Habel die deutliche Veränderung in der Bekleidung vor, wobei sich etwa bei Carl Eduard die Husarenstücke von 1905 (Abbildung 21) über die Pickelhaube (Abbildung 12) 1914/15 zum Stahlhelm (Abbildung 55) wandelt. Auch die Uniformen änderten sich im Laufe des Krieges von kräftigen Farben, die zu gut zu sehen waren, zu unauffälligen, aber dem Schutz der Soldaten dienlicheren Farben. Auch hier ist zu bemerken, wie sich die romantische Vorstellung des Krieges (vgl. S. 31 ff.), mit der man in den Krieg hinein marschiert war (z. B. Abbildung 11), zu einer realistischen Beurteilung der sinnlosen Grabenkämpfe änderte.

 

Als weiteren Punkt seiner intensiven Beschäftigung führte Habel die "Heimatglocken" an, das Thema des 6. Kapitels im Buch. Diese Heimatzeitschrift der evangelisch-lutherischen Landeskirche des Herzogtums Sachsen-Coburg mutierte zu einer Durchhalte-Zeitschrift, während sie anfangs den pathetisch formulierten Zweck hatte, Heimatliebe und Liebe zur heimatlichen Kirche zu pflegen.

 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist im 7. Kapitel die Vereinnahmung Martin Luthers 1917 zum Jubiläum 400 Jahre Reformation. Kennzeichnend ist, dass Auszüge aus seinen Schriften "steinbruchartig" genommen wurden und Luther gleich einem Schutzheiligen des protestantisch geprägten Kaiserreichs  instrumentalisiert worden ist. So wurden Siegesgewissheit mit Gottesverbundenheit propagiert.

 

In Kapitel 7 geht es dann um die Weltkriegsmetapher "Eisen". Habel verwies auf das aszendente Geschichtsmodell, in dem einem goldenen Zeitalter ein eisernes vorausgehen müsse. Dazu trat aber auch die Notwendigkeit, für die Kriegsführung Metalle in der Bevölkerung sammeln zu müssen. Man bekam deshalb eisernen Ersatz, was eine Medaille (Abb. 54) mit der Aufschrift. "Gold gab ich zur Wehr /Eisen nahm ich zur Ehr" illustriert. Eisen steht außerdem für die Härte der Kriegszeit. Zahlreiche Objekte aus der Materialsammlung - z. B. aus dem herzoglichen Haushalt - wurden verschont und befinden sich heute im Fundus der Städtischen Sammlungen.

 

Das Buch schließt mit dem Thema "Heldenverklärung und Phantomschmerz" (Kapitel 10). Habel zeigte hier, dass das Erinnern in Coburg praktisch keine Rolle spielte. An den 1. Weltkrieg erinnern in Coburg Denkmäler an der VR-Bank am Theaterplatz (Abbildung 61), an der Ehrenburg oder die Sonnenuhr an der Südseite der Morizkirche. Ebenso sind Straßennamen zu nennen wie Tannenbergstraße (Benennung aber erst in den 1950er Jahren), Kriegerdankstraße und vor allem Hindenburgstraße. In den städtischen Sammlungen finden sich darüber hinaus Modelle für Denkmal, mit dem an die Gefallenen des Weltkriegs erinnert werden sollte. Diese Pläne aus der Mitte der 1920er Jahre wurden aber nicht realisiert. Habel interpretierte die monumentale, aber sozusagen "unvermittelt endende" Säule so, dass damit weitere Kämpfe als Fortsetzung angedeutet würde.


 

Habel schloss seinen Vortrag mit dem Hinweis auf den 11.11. Dieser Tag wird in Ländern wie Frankreich, Belgien oder Großbritannien als Tag des Kriegsendes mit dem Gedenken an die Opfer begangen. Anders in Deutschland, wo der "närrische" Sturm auf das Rathaus und andererseits der Martinsumzug der Kinder die Erinnerung an den Tag des Waffenstillstandes weitgehend verdrängt.


 


 

Herr Appeltshauser ergänzte, dass in Deutschland natürlich kein Sieg zu feiern war wie in England, dafür wäre es aber möglich gewesen, den demokratischen Wandel zu feiern.

Zu einigen Nachfragen nach der Fortsetzung der Reihe und zu weiteren Projekten wies der 1. Vorsitzende der Initiative Stadtmuseum auf die enorme Vorbereitungszeit - die Anfänge dieser Ausstellung gehen auf das Jahr 2012 zurück! - sowie auf die Kosten für den Verein hin. Da die Stadt Coburg keine Fördermittel zur Verfügung stellte, sei das Projekt nur durch eine namhafte Spende einer Privatperson am Ende möglich gewesen. Daneben ist aber zahlreichen Förderern wie der SÜC, der Niederfüllbacher Stiftung, der Sparkasse Coburg-Lichtenfels, dem Bezirk Oberfranken sowie "Demokratie leben" zu danken. Und schließlich ist auch dem Verfasser dieses wichtigen Buches zu danken, das eine Lücke füllt, sowie der Gastgeberin, Frau Riegert.

 

W. Koch, 21. 11. 2017

 


 

 Informationen zum Beziehen des reich bebilderten und faden-gehefteten Buchs in unserer Publikationsliste: Band 9

 


 

Auch bei diesem Thema finden sich wieder Beiträge in der Presse, die die Wichigkeit des Themas und unserer Sache zeigen: 

 

Beachten Sie bitte die entsprechenden Berichte in den Coburger Tageszeitungen:

 

Coburger Tagblatt vom 21. Oktober (Link)

Seite 15 aus ct_20171021[489].pdf Download

 

Seite 10 Neue Presse Coburg 23. Oktober 2017 (Download)