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Grabinschrift für Sigmund von Birken vom Nürnberger Johannisfriedhof

Porträt von Sigmund von Birken, Kupferstich von Jacob von Sandrart
Sigmund Birken wuchs in einem protestantische Pfarrhaus als Sohn von Daniel Betulius, dem Ortspfarrer von Wildstein bei Eger auf. Bis zu seiner Nobilitierung 1654 – Sigismund von Birken – trug der Dichter den Namen Sigmund Betulius. Als die Familie von dort 1629 aus Glaubensgründen vertrieben worden war, flüchtete sie nach Nürnberg, der Heimatstadt der Mutter.
Nach dem Besuch der Lateinschule des Heilig-Geist-Spitals und ab 1632 der Egidienschule in Nürnberg studierte Birken von 1643 bis 1644 die Rechtswissenschaften in Jena. nach dem Abbruch seines Studiums kehrte er nach Nürnberg zurück. Dort verfasste er im Frühjahr 1645 die Fortsetzung der Pegnitzschäferei, sein erstes größeres Werk, und wurde unter dem Pseudonym „Floridan“ Mitglied des Pegnesischen Blumenordens. Bis Oktober 1646 wirkte er als Hofmeister der Prinzen Anton Ulrich und Ferdinand Albrecht sowie von deren Schwestern am Hof in Wolfenbüttel.
Birken machte sich als Poet beim Nürnberger Exekutionstag mit Lobesversen auf den Leiter der kaiserlichen Delegation, Ottavio Piccolomini, einen Namen.
1662 wurde von Birken Präsident des „Pegnesischen Blumenordens“. einer 1644 gegründeten Nürnberger Sprachgesellschaft, deren Name bezieht sich auf den Nürnberg durchziehenden Fluss Pegnitz bezieht. Der Pegnesische Blumenorden – 1644 von Georg Philipp Harsdörffer und Johann Klaj ins Leben gerufen – ist die einzige heute noch bestehende literarische Gruppe barocken Ursprungs. Der Name bezieht sich auf den Nürnberg durchziehenden Fluss Pegnitz. Der Pegnesische Blumenorden ist die einzige heute noch bestehende literarische Gruppe barocken Ursprungs. Unter Birken als dem „Oberhirten“ vermehrte sich die Mitgliederzahl um ein Vielfaches. Sein Verdienst ist es, als erster auch Frauen in eine Dichtergruppe aufgenommen zu haben.
Birken, einer der vielfältigsten und produktivsten Autoren des 17. Jahrhunderts, trat vor allem als Schäferdichter sowie als Verfasser von Andachtsliedern, Geschichtsschriften und Historiendramen hervor.
Gegen Ende seines Lebens veröffentlichte Birken als Summe seiner Erfahrungen die „Teutsche Rede-bind- und Dicht-Kunst“. In diesem Werk, einer der letzten typischen Barock-Poetiken, zitiert er Hunderte seiner eigenen Gedichte als vorbildlich für den Schüler der Dichtkunst, die im 17. Jahrhundert nicht wie heute als Sache der Genies , sondern als erlernbares Handwerk gesehen wurde – wie bei Harsdörffers „Nürnberger Trichter“. Dementsprechend stellte er Hunderte von Regeln auf, die der Schüler der Poesie erlernen soll, um „gute“ Gedichte schreiben zu können.
Sigmund von Birken verstarb am 12. Juni 1681 in Nürnberg und wurde auf dem Johannisfriedhof beigesetzt (Grabnummer ID, 054b). Sein Epitaph zeigt das Foto, Die Transkription mit Ergänzungen steht daneben.

Vita Via est Mortis / veræ
MORS IANUA VITÆ.
Vita Mortis, Mors vitae Introitus.
Morimur orientes, morientes orimur.
Horum memor
SIGISMUNDUS a Birken Com[es]. Pal[atii]. Caes[aris].,
dum mortem viveret,
Sibi & desideratissimæ conjugi
MARGARETÆ MAGDALENÆ GŒRINGIÆ,
Fratribus Germanis Betuliis & Posteris
Hoc Vitæ Ostium elegit.
Animæ in Patriam reduces.
hic depositas Exuvias
pulc[h]rius repetent.
FIDES VIDEBIT.
Iesus vivit, & nos vivemus.
IPSE FACIET.
A.[nno] R.[edemptionis] O.[rbis]
MDCLXX.
Übersetzung:
Das Leben ist der Weg zum Tod, der Tod die Eingangstüre zum wahren Leben.
Das Leben ist der Eintritt zum Tod, der Tod zum Leben.
Wir sterben, wenn wir geboren werden, wenn wir sterben, werden wir geboren.
Dieser Tatsachen eingedenk
hat Sigmund von Birken, Kaiserlicher Geheimrat, ausgewählt, solange er lebte,
für sich und die sehr vermisste Gattin
Margarete Magdalena Göringer,
den leiblichen Brüdern aus der Betulius-Familie und den Nachkommen
diesen Eingang ins [ewige] Leben.
Die Seelen, die in die Heimat zurückgekehrt sind, werden
die hier abgelegten sterblichen Überreste schöner wiedererlangen.
Der Glaube wird sehen: Jesus lebt und wir werden sehen.
Er wird es selbst tum.
Im Jahr der Erlösung des Erdkreises 1670
Kommentar:
MARGARETÆ MAGDALENÆ GŒRINGIÆ,: 1658 hatte Birken die wohlhabende Witwe Margaretha Magdalena Mülegk, geb. Göring, aus Bayreuth geheiratet, die 1670 starb.
Erklärungen:
- das Epigramm ist in elegischen Distichen verfasst, was die Übersetzung hier nicht imitiert. Eine Übertragung in deutschen Distichen findet sich bei Lehfeld / Voss S. 392!
- Das Epigramm ist rhetorisch gestaltet, wobei besonders das Spiel mit Wörtern gleicher Wurzel oder mit unterschiedlicher Flexionsform auffällt:
VITA – VIVERE (VIXIT) und MORS – MORITVR – MORTALES
- Die antithetische Gestaltung Leben-Tod ist typisch, findet sich sehr zahlreich in der Dichtung des Barocks und besonders des Manierismus, der z. B. Stilmittel und Wendungen einsetzt, um Erstaunen zu erzeugen.
- Allerdings ist diese Antithese Tod – Leben nicht nur rhetorisches Spiel, sondern auch Kern der theologischen Deutung, denn wenn der Tod als Tür zum Leben bezeichnet wird, so ist damit die Tür zum ewigen Leben zu verstehen. Ähnlich negative Sichtweise des „irdischen“ Lebens erkennt man bei den indischen Religionen, wenn etwa Buddha erkläret: „Erkennt, ihr Mönche, dass alles Dasein leidvoll ist. Geburt ist Leid, Altern ist Leid…“ Aber während es dort das Ziel ist, den Kreislauf der Wiedergeburten zu beenden, wird im Christentum dieser Zeit v. a. wegen der Übel der Zeit wie Pest und Krieg das Leben als schlecht und der Tod als Befreiung verstanden.
Worterklärungen:
Fotos: Koch
Portrait: © Die Treuhänder des British Museum. Geteilt unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz. ()
Quellen:
Gerhard Fink: Nürnberg (Reihe: Lokalhistorische Texte); München 1983
Sigmund von Birken – Wikipedia
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