Coburgum Latinum

Haus Hinterm Marstall 3

Auch an einigen Privathäusern finden sich lateinische Inschriften. Auf diese Weise soll sicher dokumentiert werden, wie gebildet der damalige Besitzer gewesen ist. Daneben sind auch religiöse Texte und Sentenzen typisch.

In Coburg findet sich zwar nur ein Beispiel, dafür aber eine sehr interessante Inschrift. Zu finden ist sie am Haus Nr. 3 in der Straße „Hinterm Marstall“; es wurde vor einigen Jahren renoviert (Bericht im Coburger-Magazin) Das Foto zeigt das Schild im frisch renovierten Zustand (noch mit dem Fehler: ESE, was erst später korrigiert wurde in EST).  Das Relief, das um das Jahr 1838 der Amtsbote Christian Moritz über dem Portal anbringen ließ,  zeigt ein von einer Schlange umwundenes Krokodil.

QUAENAM SORS EST SINE INVIDIA

Vokabelhilfen: quaenam (Pronomen) welches / was denn

 

Die Übersetzung lautet also: Welches Schicksal ist denn ohne Neid? Mit dieser selbstbewussten Aussage verweist der Hausbesitzer darauf, dass sein Besitz Neid bei den Mitbürgern erzeugt. Neid (invidia) gehört bekanntermaßen zu den sieben Todsünden. So scheint das zunächst eine Klage über den Neid anderer, wohl der Nachbarn zu sein. Der genaue Sinn dieser Sentenz erschließt sich erst besser, wenn man Stellen zum Vergleich heranzieht. Z. B.

  • Est mala sors quae non inimicos efficit ullos; [Das Schicksal ist schlecht, das keine Feinde hervorbringt]
  • Invidiam comitem sors bona semper habet. [Ein gutes Schicksal hat immer den Neid als Begleiter.]
  • und vor allem die folgende, zu der unsere Sentenz fast eine Paraphrase zu sein scheint: Quaenam pessima sors? Quae caret invidia. (Commentarii critici in Codices Bibliothecae Academicae Gissensis Graecos et Latinos, Gießen 1842, S. 152 ) [Welches Schicksal denn ist das schlechteste? Das ohne Neid ist]
  • Oder nach Wilhelm Busch: Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.

Das bedeutet, dass Neid als etwas Positives aufzufassen ist, denn es ist der Beleg auf Erfolg im Leben. Verlierer dagegen werden nicht beneidet!

Somit ergibt sich der folgende Sinn: Neid auf ein gutes Schicksal bezeugt Erfolg!

Das unterstützt das Relief. In der Mitte steht die umkränzte Initiale „M“ für den Besitzer Christian Moritz. Das Schild wird von einem Krokodil und einer Schlange angefressen.

File:Jacques Callot, The Seven Deadly Sins - Envy.JPG

In der Ikonographie steht die Schlange für Neid, was die linke Grafik von Jacques Callot von 1620 zeigt:

Rechts dagegen ist „L’invidia in un’incisione allegorica“ von Jacob Matham abgebildet.

In beiden steht die Schlange für Neid, Der Neid ist als Frau dargestellt , die in eine Frucht beißt, und sie hat einen Hund dabei.

Die Subscriptio (Unterschrift) lautet:

Invidia atra lues successibus aspera faustis,

ipsa fit infelix carnificina sui.

(Neid, die schwarze Seuche, ist rau für die glücklich Erfolgreichen,

wird selbst zur unglücklichen Qual ihrer selbst)

 

Das Krokodil dagegen wird bei Luther wegen der Krokodilstränen mit List gleichgesetzt, da es dadurch Opfer anlockt. Allerdings müsste hier, da beide Tiere am Schild ziehen oder zubeißen, auch das Krokodil analog für invidia stehen.

Im Mittelalter zeigen die Darstellungen eine gängige Gleichstellung von Krokodilen mit dem biblischen Leviathan (Hiob 40, 25 – 32; Erklärung zu der Stelle). Demnach lässt sich mit dem Krokodil/Leviathan der Satan, eine Schlange und wieder der Neid verbinden. Sicher wurde das Krokodil aber auch unter künstlerischen Erwägungen gewählt, denn es kann gut in die flache. längliche Form des Schildes eingefügt werden und dokumentiert durch den Schuppenpanzer, die Zähne etc. die Bedrohung durch den Neid anderer und damit das Selbstbewusstsein des Hausbesitzers.

Somit ist

 

 

 

Nachweis für Abb.: 1: Foto Dieter Koch; 2: https://www.psicoterapiapersona.it/2019/01/02/l-invidia-conoscerla-per-trasformarla/; 3: https://it.wikiquote.org/wiki/Invidia

 

Zuschriften bitte an: Coquus22@gmail.com (Administrator)

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