Historie des Hauses Mühlgasse 1 in Lichtenfels

Prof. Dr. Günter Dippold:

Laudatio auf die Denkmalpreisträger der Oberfrankenstiftung 2018

Die Stadt Lichtenfels hatte einst zwei Mühlbäche. Einen sieht man noch, der andere wurde in den 1930er Jahren verrohrt. Er trieb nicht bloß eine Mühle an, er versorgte auch Gerbereien mit Frischwasser und schwemmte die stinkenden Abfälle weg. Ein solches Gerberhaus ist das Anwesen Mühlgasse 1, das unmittelbar an diesem schmalen Mühlbach stand.
Das Vorgängerhaus ging im Dreißigjährigen Krieg zugrunde. 1642 erwarb der Weißgerber Michael Schumm das Grundstück. Vermutlich baute er das bestehende
Haus.
1962 schrieb der große bayerische Denkmalpfleger Dr. Tilmann Breuer über das Gebäude: „Verputzt, Obergeschoß auf der Giebelseite verschiefert, unter Putz
und Verschieferung ist Fachwerk anzunehmen.“ Doch statt das Zierfachwerk wieder sichtbar zu machen, ließen frühere Eigentümer das Haus in der Folge – wie so viele Häuser in Oberfranken – mit asbesthaltigen Faserzementplatten verkleiden, dazu tote Einscheibenfenster. Es hätte böse enden können. Denn das Haus wirkte wahrlich nicht ansehnlich, als es 1980 Gernot Hesselbarth und seine Frau Alexandra erwarben.

Herr Hesselbarth war als Lehrer ans Meranier-Gymnasium gekommen, ein Kind war da, das zweite unterwegs. Der Immobilienmarkt gab nicht viel her, die Zinsen waren hoch. Am Ende kauften sie das Haus in der Mühlgasse, nahe der Bahn und der Unterführung, auf den ersten Blick nichts Besonderes, ein alter Bau halt, unauffällig, unscheinbar.
Gernot und Alexandra Hesselbarth aber erkannten den Wert dieses Hauses. In Eigenleistung sanierte die Familie das Haus im Innern, Zimmer für Zimmer. Kaum war eines fertig, wurde es bezogen und das nächste in Angriff genommen. Jahrzehnte dauerten die Arbeiten.
Erst zuletzt wandten sich die Eheleute Hesselbarth der Außenhaut zu. Sie ließen 2012 die Platten abnehmen – und zum Vorschein kam im Obergeschoss ein
Schmuckfachwerk des späten 17. Jahrhunderts, und rückseitig, zum früheren Mühlbach hin, waren wieder die längst zugesetzten Lauben zu erkennen, wie ein
Gerber sie zum Trocknen des Leders braucht. Das Haus erwies sich als durchgängige Fachwerkkonstruktion, beschädigt an ein paar Stellen, zumal an den Ecken,
aber immer noch eindrucksvolle Zimmermannskunst. Eine Inschrift fand sich, ein lateinischer Segensspruch: Zu Ehre der Dreifaltigkeit sei das Haus gebaut. SEMPER LAUS DEO IN ORE MEO – den Satz, der in etwas schiefem Latein die fromme Gesinnung des Erbauers zeigt, haben die heutigen Eigentümer vergolden lassen.

zitiert nach: Prof. Dr. Günter Dippold:
Laudatio auf die Denkmalpreisträger der Oberfrankenstiftung 2018 (Link)

alle Fotos: W. Koch

 

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