COBURGUM LATINUM

Noctes Casimirianae: Totenklage um Tiere

Cyprian hatte betont, dass bei den Noctes Casimirianae die Freude an der Wissenschaft im Mittelpunkt stehen solle. Er lädt die Gebildeten Coburgs dazu ein, Mußestunden auf geistvolle Weise zu verbringen. So schlägt er für die geplanten Sitzungen u. a. die Beschäftigung mit  literaturgeschichtlichen Themen vor und kündigt als Thema der ersten Sitzung die Lektüre von Grabinschriften für Tiere an. Dieses Programm klingt merkwürdig und wenig attraktiv. Es stand aber reiches Material zur Verfügung, denn die Totenklage um Tiere war in der Antike ein beliebtes Thema fingierter oder echter Grabepigramme. Die Lektüre einiger antiker Beispiele diente zur Vorbereitung des eigentlichen Vorhabens, der Beschäftigung mit themengleichen zeitgenössischen Gedichten.

Anlass dafür war der Tod des Papageis der Madame de Scudéry. Die berühmte französische Schriftstellerin hatte am 2. März 1699 einen Brief an Leibniz geschrieben und ihm darin den Tod ihres geliebten sprechenden Papageis mitgeteilt. Sie verband die Nachricht mit einer Kritik an dem Philosophen Descartes, der Tiere für vernunft- und empfindungslose Automaten erklärt hatte. ,,Er (sc. der Papagei) allein“, schreibt sie, ,,würde genügen, um die  Automatentheorie des Monsieur Descartes zu widerlegen.“ Leibniz ließ sich durch diesen Brief  zu einem Gedicht anregen.

Er eröffnet das lateinische Epigramm mit einer kunstvollen antithetischen (pumilio = Zwerg / magne) Anrede:

Psittace pumilio, docta sed magne loquela (O kleiner Papagei, doch O du großer durch gelehrte Rede“).

Dann bekräftigt er die Kritik an der mechanistischen Auffassung der Kartesianer und erklärt die Auffassung der Scudéry für die richtige: Mens melior Sapphus…

Er nennt sie im Gedicht nicht mit ihrem Namen, dessen latinisierte Form Magdalena Scuderia sich nicht in das Versmaß fügen würde, sondern er wählt den Namen der griechischen Lyrikerin Sappho. Die Bezeichnung „neue Sappho“ für die Scudéry war gebräuchlich,
seit sich die populäre Autorin selbst unter dem Namen Sappho porträtiert hatte. Das Gedicht schließt mit der Prophezeiung, der kleine Papagei werde dank seiner Herrin mit ihr unsterblich werden:

Et dominae immensum parvus comes ibis in aevum:
Nam Sappho, quidquid Musa et Apollo, potest.

(Und du kleiner Gefährte der Herrin wirst in die unermessliche Ewigkeit (ein)gehen / Denn Sappho kann, was immer die Muse und Apoll.)

Man könnte nun die Frage nach der Einordnung dieses Epigramms stellen, wobei sich zwei Formen anbieten:

Ein Epikedeion (griechisch ἐπικήδειον, lateinische Form Epicedium) war ein Trauergesang im antiken Griechenland, der während der Aufbahrung und Bestattung der Leiche gesungen wurde. Zahlreiche Gedichte der griechischen und lateinischen Literatur lassen sich der Gattung des Epikedeions zuordnen, so von Horaz (carmen 1, 24) oder Properz (4, 11). Als Besonderheit findet man seit der Antike auch Trauergedichte auf den Tod von Tieren, auch parodistisch umgebogen wie bei Catull (carm. 3).

Sodann der Threnos (θρῆνος) oder Threnodie, ein Trauer- oder Klagelied über den Tod eines geliebten Wesens, das beim Leichenbegängnis gesungen wurde. Klagelieder kommen bereits in den homerischen Gedichten bei Hellenen und Troern (Klage von Andromache und Helena um Hektor) vor. Später bildete sich der Threnos zu einer eigenen Gattung in der Dichtkunst aus und mehrere Dichter, besonders  Simonides von Keos, dem das Thermopylen-Epigramm fälschlich zugeschrieben worden war, erlangten hohen Ruhm darin.

Wichtiger als eine Einordnung ist sicherlich die Intention, denn Leibniz benutzt das Klagelied letztendlich um der Scudéry zu schmeicheln. Nicht der psittacus wird gepriesen, sondern die domina, durch deren Kunst der Vogel unsterblich wird. Den Gedanken, dass Literatur unsterblich ist bzw. dazu macht, hat auch Horaz formuliert: Non omnis moriar, („Nicht ganz werde ich sterben“, Zitat aus Horazens Ode III, 30, 6.) Vgl. dazu hier auf der Homepage: Mausoleum im Hofgarten

Leibniz hat aber durch die Übertreibung, dass der Papagei „gelehrt“ sei – schließlich plappert er nur nach – und dass er ewig berühmt sein würde, mit der rhetorischen Figur der Hyperbel den Aussagegehalt selbst relativiert, auch wenn er der Bitte der Scudéry nachkommt und Descartes zu widerlegen scheint.
Natürlich denkt man da unwillkürlich auch an die Passer-Gedichte Catulls (C 2 und 3), vor allem auch, weil der Tod von Lesbias Spätzlein in Carmen 3 bejammert wird.
Dass die Römer bis heute ein besonderes Verhältnis haben, zeigen Stellen aus Literatur und Kunst.
Aber während nicht vollkommen eindeutig ist, wie der Passer zu deuten ist – vor allem Holzberg sieht eine sexuelle Konnotation im Wort passer -, geht es bei Leibnitz tatsächlich um den Vogel bzw. um die Besitzerin, durch die der Vogel unsterblich sein wird. Bei Cat
ull wird der Vogel aber wohl insbesondere gepriesen und in C 3 betrauert wird, weil er Gespiele seiner Besitzerin ist.
Lugete, o Veneres Cupidinesque,
et quantum est hominum venustiorum:
Trauert, oh Göttinnen und Götter der Liebe und alle ihr Menschen, die ihr für Liebe empfänglich seid! venustus (→Venus + onustus): anmutig, fein, liebenswürdig
Passer mortuus est meae puellae,
passer, deliciae meae puellae,
5 quem plus illa oculis suis amabat.
Der Sperling meines Mädchens ist tot, der Sperling, der Liebling meines Mädchens, den jene mehr als ihre eigenen Augen liebte. Parallelissmus →

anaphorisch: passer + Epipher: meae puellae

deliciae: Lust, Freude; Liebling

Nam mellitus erat suamque norat
ipsam tam bene quam puella matrem,
nec sese a gremio illius movebat,
sed circumsiliens modo huc modo illuc
10 ad solam dominam usque pipiabat.
Denn er war so süß wie Honig und kannte die Seine selbst so gut wie ein Mädchen die Mutter.
Und er bewegte sich nicht aus ihrem Schoß, sondern, während er bald hierhin und bald dorthin hüpfte, piepte er immerfort zu seiner Herrin allein.
norat = noverat ; präsentisches Perfekt

mellitus (mel = Honig) metaph.: süß

Qui nunc it per iter tenebricosum
illuc, unde negant redire quemquam.
Dieser geht nun auf dem finsteren Weg dorthin, woher niemand, wie man sagt, zurückkehrt. iter ire: figura etymologica

tenebricosus: dunkel (tenebrae =

At vobis male sit, malae tenebrae
Orci, quae omnia bella devoratis:
Doch euch soll es schlecht ergehen, ihr schlechten Schatten der Unterwelt, die ihr alles Hübsche verschlingt! male sit: „den soll der Henker holen“

male / malae: Polyptoton

bellus: fein, nett, allerliebst

15 Tam bellum mihi passerem abstulistis
o factum male! o miselle passer!
Ihr habt mir den so hübschen Sperling genommen! Ach Freveltat! Ach armer Sperling! malefactum = Übeltat → Tmesis
tua nunc opera meae puellae
flendo turgiduli rubent ocelli.
Durch deine Schuld sind die geschwollenen Augen meines Mädchens nun vom Weinen rot. turgidulus (turgere): geschwollen

https://gottwein.de/Lat/catull/catull003.php bringt im Vergleich zwei weitere Gedichte über eine Drossel sowie über Grille und Heuschreck

Dieses typisch neoterische Gedicht zeigt den für einen Threnos kennzeichnenden Aufbau:

  1. Anrede: passer
  2. Feststellung des Todes: mortuus est
  3. Schilderung der Verdienste: nam mellitus erat suamque norat / ipsam tam bene quam puella matrem etc.
  4. Gang in die Unterwelt: qui nunc it per iter tenebricosum / illuc, unde negant redire quemquam
  5. Klage und Verfluchung der Schattenwelt: at vobis male sit, malae tenebrae / Orci, quae omnia bella devoratis:
  6. Schilderung der Auswirkungen auf die Lebenden: tua nunc opera meae puellae / flendo turgiduli rubent ocelli.

Dennoch muss das Gedicht wohl als Parodie verstanden werden. Dies zeigen die Übertreibungen vor allem mit dem Gang in die Unterwelt, wie sie sonst Helden wie Odysseus oder Aeneas vorbehalten sind, aber nicht einem Sperling. Auch die theatralische Anklage der „malae tenebrae“ – man fühlt sich an die Rede des Orpheus vor den Göttern der Unterwelt erinnert, obwohl die Rede des Orpheus Zeugnis ablegt für das rhetorische Talent Ovids! – belegt, dass wir eher von einer Parodie eines Neoterikers ausgehen dürfen als von einem tief empfundenen Schmerz des Dichters.

Einige Parallelen finden sich in dem folgenden Grabgedicht auf eine Hündin namens Myia („Fliege“), das eine Grabplatte aus Marmor des 2. Jh. n. Chr. bietet, die in der Nähe von Auch ( Augusta Ausciorum) in Frankreich gefunden worden war (Carmina Latina Epigraphica 1512):

Quam dulcis fuit ista, quam benigna, Wie süß war sie, wie freundlich,
quae, cum viveret, in sinu iacebat die, als sie lebte, im Schoße lag,
somni conscia semper et cubilis. Mitwisserin des Schlafes immer und des Lagers.
O factum male, Myia, quod peristi. Ach du schlimmes Ereignis, Fliege, dass du gestorben bist!
Latrares modo, si quis adcubaret Würdest du nur, wenn irgendein Nebenbuhler
rivalis dominae, licentiosa. bei der Herrin läge, hemmungslos bellen!
O factum male, Myia, quod peristi. Ach schlimmes Ereignis, Fliege, dass du hingegangen bist!
Altum iam tenet insciam sepulcrum, Das tiefe Grab schon hält dich, ohne dass du es merkst,
nec saevire potes nec insilire, du kannst nicht wüten und nicht hinaufspringen,
nec blandis mihi morsibus renides. und nicht tust du mir freundlich zurück mit liebkosenden Bissen.

An Übereinstimmungen fallen vor allem auf:  bellum passerem / dulcis ista; o factum male! / O factum male; in sinu iacebat / a gremio illius movebat. Außerdem findet sich „o factum malum“ in beiden Gedichten, auch wenn es hier mit „schlimmes Ereignis“, bei Catull dagegen (als Tmesis) mit „Schandtat“ übersetzt worden ist. Durch diese Parallelen fallen aber die unterschiedlichen Zielrichtungen noch stärker auf: Den Verfasser des Myia-Gedichtes trifft der Tod des Hundes vor allem deshalb, weil Myia als eine Art Aufpasser fungiert haben soll, der die Rivalen verbellt hat, also auf Seiten des Dichters stehen soll, w.

Dass Catull dem Verfasser des Gedichts bekannt gewesen sein dürfte, dies zeigt wohl der letzte Vers mit den „blandibus morsibus“, die besser zum Spatz als zu einem Hündchen passen dürften, und vielleicht noch stärker der 2. Vers, denn das Liegen im Schoß (in sinu iacebat / nec sese a gremio illius movebat) ist für beide Dichter

Ganz deutlich ist der erotische Hintergrund, worauf insbesondere adcubare (beischlafen), sinus (Schoß), conscia cubilis (Mitwisserin des Geschehens im Bett) verweisen. Aber auch dulcis oder blandus gehören zum Wortschatz erotischer Texte.

Schließlich müssen aber auch noch die Bilder des Todes, wie sepulcrum, factum male und perire, betrachtet werden.

 

Natürlich sollte hier auch Martial nicht fehlen, zumal er Catulls  passer in I 7  und in I 109 persifliert. Aber beide Gedichte gehören nicht zu den Totenklagen, weshalb der verweis auf sie genügen muss.

 

 

Schlussbemerkung:

Alle Texte auf dieser Seite haben zwar keinen Bezug zu Coburg, sie sind aber durchaus interessant zu dem Thema der 1. Nox Casimiriana, da beim Gedicht von Leibniz hier durch den Vergleich deutlicher die Intention herausgearbeitet werden kann. Und das Herausarbeiten von Topoi etc. ist wichtiger Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit und Forschung in den Literaturwissenschaften.

Es kann also festgestellt werden, dass die Totenklagen literarische Intentionen verfolgen und keine wirklich gehaltenen Grabreden, Threnoi oder Grabepigramme sein sollen. Stattdessen sind sie meist parodistisch so überhöht, dass ein anderer Zeck erkennbar wird. Meist ist eine Kritik an den Besitzern bzw. Besitzern der Tiere erkennbar, zumindest bei dem Myia-Dichter der Hauptgrund. Denn hier wird mit dem Hund Kritik an der Untreue des Frauchens geübt, während bei Catull nur die exzessive Liebe humoristisch dargestellt und Leibniz zwar sicher nicht der Meinung ist, der Papagei sei vernunftbegabt (res cogitans), aber anderseits dann doch den Wünschen der Scudéry nachkommt.

 


Literatur:

Walter Reissinger: Die Gründung der Noctes Casimirianae; in: Musarum Sedes; Festschrift zum 400-jährigen Bestehen des Gymnasiums Casimirianum Coburg, Coburg 2005; Seite 173 ff.

Otterstedt, C. / Rosenberger, M. (Hg.): Gefährten – Konkurrenten – Verwandte. Die Mensch-Tier-Beziehung im wissenschaftlichen Denken; Göttingen 2009

https://www.bpb.de/themen/umwelt/bioethik/290626/mensch-tier-beziehungen-im-licht-der-human-animal-studies/ [Bioethik]

Hans-Joachim Glücklich: Catulls Gedichte im Unterricht; Göttingen 1980; besonders Seite 21 f.

Catull – Liebes- und Haßgedichte: Ins Fränkische übertragen von Hans Boas; Bamberg 2002; S. 48 ff. (C. 3)

https://gottwein.de/Lat/catull/catull003.php

https://www.lateinheft.de/catull/catull-carmen-3-ubersetzung/ [nicht zu empfehlen, nicht einmal der Ablativus comparationis „plus oculis suis“ in Vers 5 ist erkannt, sondern als Instrumentalis übersetzt!]

http://www.catull.de/html/carmen_3.htmlhttps://www.latein-unterrichten.de/fileadmin/content/unterrichtseinheiten/catull/image/Vokabeln_c._3.pdf [Lernwörter aus C. 3]


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